Regelungstechnische Logik vs. Kosten

Diese Geschichte hat sich noch vor meinem Umzug nach Stuttgart und meiner Anstellung bei der Eckardt AG in Fellbach zugetragen. Ich war in der sog. Werkserhaltung MSR (Messen-Steuern-Regeln), bei den Krupp Hüttenwerken in Rheinhausen angestellt.

Die Geschichte zeigt, dass wenn regelungstechnische Logik gegen die Argumentation von hohen Kosten antritt, die Logik verliert. Es gab folgendes Problem: Die Temperatur im Kühlwasserkreislauf an einem Hochofen erreichte immer wieder ihren Grenzwert und löste einen akustischen und visuellen Alarm aus. Bei den ersten vor Ort kontrollen durch die Schlosser und die MSR Abteilung, sah, auf den ersten Blick alles OK aus. Die entsprechende Regelklappe zeigte, sowohl elektrisch, als auch mechanisch vor Ort, 100% AUF. Trotzdem war die anzeigte Wassermenge eindeutig zu niedrig. Es handelte sich dabei um eine ganz banale Regelstrecke, bestehend aus nur je einer Temperatur- und Wassermengenmessung, einer Regelklappe mit elektrischem Antrieb (etwa 800mm Nennweite) mit Stellungsrückmeldung und einem elektrischen Regler. Da die Wassertemperatur in mehreren Abschnitten gemessen wurde, und alle Werte logisch zueinander passten, kam, außer der Messung der Kühlwassermenge, nur eine defekte Regelklappe als Fehlerursache in Frage.

Als erstes prüften ein Kollege und ich, mit einem entsprechenden Prüfgerät, den H&B Differenzdruck Transmitter für die Wassermengenmessung. Der Transmitter befand sich auf etwa 100m Höhe, des Hochofens, in einem Bereich, der wegen der Gefahr von hoher Kohenstoffmonoxid Konzentration (CO), nur mit schwerem Atemschutz betreten werden durfte. Schwerer Artemschutz hieß, mit Sauerstoffflasche auf dem Rücken und Maske auf dem Gesicht, zu arbeiten. Diese Zusatzausrüstung war jede Arbeit auch eine zusätzliche Belastung. Bei der Prüfund zeigte der Transmitter Messwerte, die im zulässigen Toleranzbereich lagen, d. h. Messung OK. Zusätzlich haben wir die Zuleitungen zum Transmitter gespült, um mögliche Verstopfungen auszuschließen. Ergebnis dieses insgesamt ca. zwei Stunden dauernden Einsatzes - alles OK.

Dieses Ergebnis teilten wir so, ersteinmal den Schlossern mit. Nicht ohne den Hinweis, dass dann wohl die Regelkappe defekt sei. Das haben die Schlosser aber so nicht aktzeptiert. Sie waren weiterhin fest der Meinung, dass die Regelklappe in Ordnung sei. Alle unsere Argumente waren zwecklos. Entweder konnten oder wollten sie das nicht verstehen. Eigentlich wollten wir es dabei bewenden lassen, aber die Schlosser hatten sich dann scheinbar an ihren Vorgesetzten gewandt, und der wiederum sich an unseren. Auch wenn Test aus unserer Sicht eindeutig war, bedeutete eine mechanische Kontrolle der Regelklappe, einen merhstündigen Stillstand des Hochofens, mit entsprechendem Produktionsausfall und den damit verbundenen Kosten. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurden von oben erst einmal weitere Maßnahmen angeordnet.

  • Werkstattkontrolle der Messeinrichtung Wassermenge, ohne Befund!
  • Ein in unseren Augen unnötiger Austausch dieser Messeinrichtung gegen ein Neugerät, was weiterhin ohne Erfolg war.
  • Kontrolle, dann Austausch der elektrischen Stellungsrückmeldung.

Aber alle diese Arbeiten, bei laufendem Hochofen natürlich wieder mit schwerem Atemschutz, führten nicht zum gewünschten Erfolg. Besser spät als nie, hatten jetzt wohl alle begriffen, das doch die Regelklappe die Fehlerquelle war. Von oben kam die Anweisung, den Hochofen herunterzufahren, um die Klappe mechanisch zu überprüfen. Das Ergebnis war zwar im Detail überraschend, aber im Ergebnis durch zu erwarten.

Um die Details zu verstehen, ein kurzer Blick auf so eine Regelklappe. Das ist im Grunde nichts anderes als eine große runde Scheibe, in einem montierbaren Gehäuse, um sie in eine Rohrleitung mit entsprechendem Druchmesser einzubauen. Bewegt wird die Klappe über eine Welle, die wiederum über ein Getriebe, von einem Elektormotor angetrieben wird. Dabei wird die Klappe um ihre Achse gedreht und gibt mehr oder weniger vom Rohrdurchmesser frei. Das regelt den Durchfluss. Diese Welle war an der Klappe gebrochen, weil diese sich bei etwa 20% verklemmt hatte. Mit der sich noch bewegenden Welle, waren die außen sichtbare, mechanische Anzeige, sowie die elektrische Rückmeldung für die Klappenstellung verbunden. Das führe dazu, das bei Betrachtung der mechanischen, sowie der elektischen Anzeige für Klappenstellung, alles korrekt aussah. Die Aussage der Schlosser hatte sich immer nur auf diese mechanische Zeigeranzeige bezogen. Vielleicht konnte sich tatsächlich keiner vorstellen, das auch eine Welle von 3-4 Zentimeter Durchmesser, abreißen, bzw. abbrechen kann.

Wie so oft, hatte hier die MSR Abteilung von Anfang an die richtige Argumentation. Wie oft in solchen Fällen, fiel dann irgendwann natürlich der Spruch, dass ein schlechter Elektriker ist immer noch ein guter Schlosser ist. Heute mag das beleidigent klingen, damals, unter Arbeitern in einem großen Stahlwerk, hat sich kaum jemand wirklich darüber aufgeregt, wobei Ausnahmen die Regel bestätigten.