Grußkultur im Schwabenland (Ende der 1980er Jahre)

Das der Schwabe der persönlichen Begrüßung eine besondere Bedeutung zumisst, wurde mir erst bewusst, nachdem mich ein Kollege vom Service darauf hinwies. Mitarbeiter im Haus, besonders die in der Zweiten Etage, hätten sich bei ihm darüber beschwert, das der Neue, ich, überheblich wäre, weil ich ohne zu grüßen durch die Firma laufe. Von mir kann man sicherlich viel behaupten, ich stehe sogar zu meinem Klugscheißer Gen, aber Überheblichkeit hatte mir bis dahin noch niemand vorgeworfen. Diese zweite Etage muss man sich als eine Art große Montagehalle vorstellen, in der in unterschiedlichen Bereichen, unterschiedliche Arbeiten durchgeführt wurden. Die Anzahl der Mitarbeiter war dabei überschaubar. Ich war mir keiner Schuld bewußt aber hinterfragte erst einmal mein eigenes Verhalten.

Normalerweise begab ich mich Morgens direkt in die dritte Etage, steckte dort meine Zeiterfassungskarte ein, und begab mich an meinen Schreibtisch in der sich in der dritten Etage befindlichen Serviceabteilung. Das kann wörtlich genommen werden. Diese Abteilung war ein durch Aktenschränke abgeteiler Bereich in so einer Art Großraumbüro. Personen denen ich dabei begegnete wünschte ich selbstverständlich einen Guten Morgen, das mit dem Grüß Gott hatte ich noch nicht so drauf. Einen Großteil meiner Arbeit verrichtete ich aber auch in der zweiten Etage. Je nach Tageszeit, bin ich dort nicht zwangsläufig sofort jemandem begegnet. Das ergab sich oft erst im Laufe der Arbeitszeit aus unterschiedlichsten Gründen und das waren wohl die Momente in denen ich andere Mitarbeiter nicht so grüßte wie sie es erwarteten, übrigens nicht nur Schwaben. Nachdem mich mein Kollege nochmals darauf hingeweisen hatte wie wichtig diese Grußkultur den Mittarbeitern im Haus ist, entschied ich für mich "Wenn der Schwabe das so möchte, bekommt er es auch".

Also begann mein Arbeitstag in den nächsten Wochen und Monaten wie folgt: Zuerst wegen der Zeiterfassung in den dritten Stock. Dann zu meinem Schreibtisch um meinem Chef, zum Beweis meiner Anwesenheit, einen guten Morgen zu wünschen. Danach, wenn nichts dringendes anstand, direkt in die zweite Etage. Dort bin ich durch alle Arbeitsbereiche geschlendert, und habe jedem Mitarbeitendem dem ich begenet bin, mit einem Handschlag und einem freundlichen "Guten Morgen", persönlich begrüßt. Innerhalb relativ kurzer Zeit, wechselte mein Ansehen vom "überheblichen Neuen" zum, ich zitiere die liebe Maritza, "...lieben Peter".

Zur lieben Maritza noch eine zusätzliche Anekdote. Meine morgendlichen "Grußrunde" behielt ich sehr lange bei, und für Maritza war ich jetzt nur noch "der (liebe) Peter". Das führte irgendwann zu einer witzigen Situation, als das Telefon in ihrer Abteilung klingelte, und wohl jemand fragte, ob Herr Ruhm in der Nähe sei. Sie schaute sich erst um, dann fragte sie mich "Kennst du einen Herrn Ruhm". Mit einem Lachen das ich mir kaum verkneifen konnte, war meine erste Antwort nur ein kurzes "Ja". Als Sie mich weiter fragend ansah, ergänzte ich meine Antwort um, "das bin ich". Als sie mich dabei mit großen fragenden Augen, und überraschtem Gesichtsausdruck ansah, konnte ich mir das Lachen endgültig nicht mehr verkneifen. Nach einem kurzen Moment der Schweigsamkeit, begann aber auch sie zu lächeln.